Wann entstand der befestigte Ort Polle

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Wann entstand der „befestigte“ Ort Polle


Karl der Große schlug in „Medophulli“ sein Lager Auf / Gründung von Burg und Stadt eng miteinander verbunden




Karl der Große schlug in „Medophulli“ sein Lager Auf / Gründung von Burg und Stadt eng miteinander verbunden


Anno 1285 wurde bisher die Burg Polle erstmalig in einer Schenkung an das Kloster Loccum urkundlich erwähnt. Eine solche Anlage lässt sich verständlicherweise nicht über Nacht auf einem Hügel errichten. Bewohnt wurde sie nachweislich erheblich früher. Doch der Verlust der Burg Everstein 1284 an die Welfen brachte es mit sich, dass Polle alleiniger Herrensitz der Eversteiner Dynastie wurde.


Das, was bisher urkundlich das Alter des Ortes bezeugt, nimmt sich noch bescheidener aus. 1374 beim Abschluss des Erbfolgevertrages zwischen Everstein und Lippe wirkte ein Magistrat von Polle mit (Spilker Nr. 398). 1399 wird eine civita, d.h. Stadt, beurkundet (Sud VIII Nr. 253). 1448, also nach der Herrschaftsübernahme durch die Welfen, spricht man von einem oppidum, was damals sowohl die Bezeichnung für eine Stadt wie auch für eine Stadt mit minderen Rechten war (Spilker Nr. 486). Als oppidum wurden in jener Zeit auch Holzminden und Ottenstein ausgewiesen. Es ist nicht zufällig, wenn hier sowohl Burg- und Ortsdaten erscheinen. Beide Gründungen sind eng miteinander verbunden.


Kein Hinweis auf römische Gründung


Phantasievoll führte man ehemals den Ort Polle auf eine römische Anlage zurück, die in ihren Maßen hinter Palisaden Platz bot für eine römische Kohorte. - Römische Befestigungen am Weserufer waren gar nicht selten. Siedlungen überhaupt in den Flusstälern waren auch vor unserer Zeitrechnung die Regel. Und bis ins 10. Jahrhundert war der Thilitigau – das Gebiet zwischen Heinsen und Rinteln, mit Abstand am dichtesten besiedelt. Das sind zwar Tatsachen, sagen aber praktisch nichts über das Alter von Polle aus. Ein Historiker sollte sich mehr an Realitäten halten, die reichlich bezeugen, was sich in diesem Gebiet wann, wo und wie abgespielt hat. Diese Methode empfahl schon Leopold von Ranke, der für Historiker lediglich das Recht einräumte, fehlende objektive Daten mit subjektiven logischen Schlüssen zu verknüpfen.


Bemühen wir uns, gründlich zu sein,. Unterscheiden wir klar und eindeutig zwischen dem frühen Ort Polle und der erst später geplanten Siedlungsform, wie sie sich vor 50 bis 100 Jahren noch deutlicher als heute darstellte.


Gregor von Tours, der teils aus direkter Kenntnis über die Geschichte der Merowinger berichtet, nennt ohne Jahresangabe einen Ort in unserer Landschaft, von dem es heißt: „in loco, qui dicitur modo Pulli“. Aus diesem modo Pulli entwickelte sich bald darauf eine neue Schreibweise. Und da die Quellen jener Zeit rar sind, brauchen wir nicht allzu viel Annalen zu suchen.


Fair ist es, sich erst einmal mit Historikern zu befassen, die in ihrer neuromantischen Haltung mit Gewalt den Ort für die Schlacht im Teutoburger Walde im Jahre 9 genau bestimmen wollten, und denen es auch für ein deutsch-germanisches Geschichtsbewusstsein wichtig erschien, festzulegen, wo und wann Widukinds Unterwerfung in den Sachsenkriegen Karls des Großen passierte. Es gab Vergewaltigung der wenigen Quellen, der Landschaft und der lateinischen Sprache. Und wenn sich auch heute kaum ein ernsthafter Historiker mit diesen Vergewaltigungen identifiziert, so sollten sie dennoch zur Kenntnis genommen werden.


 


Neuromantische Geschichtsbetrachtung


Alles war in nebelhafter Ferne, bis Herr Wippermann Mitte des vorigen Jahrhunderts neue Wege für Karls Feldzüge entdeckte, neue Begründungen, auch wenn sie keinerlei Ähnlichkeit mit den vorhergegangenen Beschlüssen des Reichstags hatten, zum Ziel dieser Kriege erklärte und, schlimmer noch, alte lateinische Texte brauchbar machte und Orte in eine Zeit verlagerte, wo sie nun wirklich noch nicht existiert hatten.


Die Sachsenkriege Karls des Großen begannen im Jahre 772. Ursprüngliches Kriegsziel war nicht die Missionierung, sondern es ging um die Eroberung der Sachsenburgen, um dort Gold und Silber zu rauben – „Aurum et argentum, quod ibi reperit, abstulit“. Hierfür musste schweres Material für Belagerung, Flussübergänge, aber auch für den Bau von Schutzanlagen mitgeführt werden. Ein Grund dafür, einen vorhandenen Handelsweg zu nutzen, den Hellweg. Auch in den folgenden Feldzügen nutzte man diesen Weg, den man in Abständen von fünf bis zehn Kilometern mit Befestigungen sicherte.


Ein zweiter Anmarschweg kam aus Nordthürungen, Diemel, Höxter. Im Weserraum war das Gebiet zwischen Höxter und Hameln am zugänglichsten, am dichtesten besiedelt, am reichsten an Schätzen und am besten im Laufe der Jahre durch fränkische Befestigungen gesichert.


Später erst, als es vorrangiger wurde, Gebiete zu unterwerfen und die Bevölkerung zu missionieren, wurden auch Truppen aus diesem Raum bis in die Gegend von Minden in Marsch gesetzt.


Neben den Raubzügen stellte sich erst in den späten siebziger Jahren die Frage der Okkupation und der Missionierung. Ein kurzer Blick zurück auf unsere Historiker des vorigen Jahrhunderts, deren Darstellung teils heute noch übernommen wird. Karl soll demnach im Jahre 779 vom Raum Höxter aus, dort wo die Brunisburg lag, weserabwärts gezogen sein und an einem Ort Midi-fulli, der befestigt war und eine breite Weserfurt aufwies, Bruni, den Herzog der Engern, unterworfen haben. Und wie aus diesem Midi-fulli ein Uffeln oder gar ein Salzuflen werden konnte, ist wirklich schwer nachvollziehbar. Ein Sprachwissenschaftler hat sich an diesem Kunststück nicht versucht.


Was aber passierte tatsächlich in jenen Jahren? Es war im Jahre 775, nahe Lobach, wo Karl siegreich blieb und einen Teil der Truppen bis nach Lübbecke am Wiehengebirge ziehen ließ. Hier schlug man ein Lager auf, wurde von den Sachsen überrumpelt und abgeschlachtet. Die Rache Karls folgte prompt. Letztlich wurde dann auch hier der legendäre Bruni getauft und zum Treueschwur gebracht.


Gut, aber was ist nun mit unserem Ort, den wir suchen? Auf der Reichsversammlung in Worms wurde Karl beauftragt, die aufrührerischen und heidnischen Sachsen endgültig zu unterwerfen und zu taufen. Von Bocholt über Coesfeld kam er siegreich bei einem befestigten Ort, der sich in Klosterurkunden des 9. Jahrhunderts und in Annalen, die im 9. und 10. Jahrhundert geschrieben wurden, Mediphulli, Medofulli und ähnlich nennt, an die Weser. Der Ort liegt nördlich von Holzminden, ist befestigt, eine Furt führt durch den Hochwasser führenden Fluss, der eine Breite von 600 bis 800 Meter haben muss. Karl schafft den Flussübergang, von Widukind mit seinen Engern gehindert, nicht und schlägt in diesem Ort Medophulli, oder wie wir es heute nennen – Polle – sein Lager auf.


Um es kurz zu machen, da dies nicht die Geschichte der Sachsenkriege sein soll: Es kam zu den Friedensverhandlungen, engerische Geiseln erhielten ihre Freiheit, Widukind und viele seines Stammes wurden hier getauft. Für diese Vorgänge gibt es Urkunden des Stiftes Nottuln von 834, Fuldaer Urkunden von 811 und 813, die Fränkischen Reichsannalen, die Annalen des Einhardus von Corvey und einiges mehr. Und über die Gleichsetzung von Mediphulli und Polle streitet man sich heute auch nicht mehr ernsthaft.


Dazu heißt es wiederum in Widukind von Corveys Sachsengeschichte: „Teils durch sanfte Überredung, teils durch kriegerische Gewalt zwang er die Sachsen, einst Freunde und Bundesgenossen der Franken, nun Brüder und gleichsam ein Volk durch den christlichen Glauben.“


Doch begnügen wir uns nicht mit dieser Jahreszahl. Bisher richtete man sich immer an der Jahreszahl 1285 oder später aus.


Der erste hier im Gebiet ansässige Eversteiner – Conradus de Euersten – beherbergte sowohl auf seiner Burg Everstein wie im Ort Polle den heiligen Vicelin, der im Jahre 1080 in Hameln geboren wurde. All dieses schreibt Helmardus. Konrads Sohn oder auch Enkel – hierfür gibt es Zweifel – also Albrecht I. oder Albrecht II., heiratete Rixa, Tochter des polnischen Königs Borislaw III. und Witwe von Alfons VII., König von Kastilien und Kaiser von Spanien. Auch sie wohnte seit 1157 auf der Burg Everstein und hielt sich auch in Braunschweig, Hameln und Polle auf. Unwahrscheinlich ist, dass sie in Polle gezeltet hat, wahrscheinlicher ist, dass dieser Ort darum auch im 12. Jahrhundert existierte.


Heinrich dem Löwen, 1180 vom Reich in Acht und Bann getan und auf der Flucht aus seinen Landen, war Ort Polle – die Burganlage scheint 1181 noch nicht bestanden zu haben – nicht sicher genug und begnügte sich für längeren Aufenthalt mit der Burg auf dem Ottensteyne. Auch dies ist keine alte Mär. Sondern in einer Urkunde aus dem Jahre 1182 bezeugt: „Den 18. November ist der Herzog mit den Seinen von Einbeck gezogen, biss auf das Schloss Ottensteyn, auf einer Höhe nicht weit von der Weser gelegen, da haben sich seiner Gemahlin die Grafen von Eberstein aus herzlichen und nachbarlichen Mitleiden angenommen...“


Jüngere Nachweise sind nun in diesem Zusammenhang nicht mehr interessant. Interessanter ist es schon, wann dieser Ort Polle die Form annahm, die man noch am heutigen Ortskern erkennen kann.


 


Keine Stadtrechtsverleihung


In jener Zeit gab es zwei unterschiedliche Vorstellungen darüber, in welcher Form Stadtgründungen vorzunehmen waren und ob gezwungenermaßen Bürgerrecht zu respektieren seien. Der eversteinische Typ der Stadtgründung sah die Einheit des Ortes mit Befestigungsanlage, Burg oder ähnlich vor. Möglicherweise entwickelte sich hier auch die Sicherung des Gesamtbereichs durch Mauer oder ähnliche Anlagen. Eine Notwendigkeit für den Grundsatz „Stadtluft macht frei“ gab es nicht, denn diese Bürgerrechte wurden eigentlich nur aus der Not heraus zugestanden. Und diese Not existierte dann, wenn aus Bevölkerungsmangel Zuzug von Handwerkern, Krämern und anderen Leuten erreicht werden sollte. Beispiele hierfür finden sich in Lippe, so in Schwalenberg und Lemgo, allerdings auch in Höxter, wo sich die Stadt getrennt gegenüber dem starken Corvey behaupten wollte. Für Lippe also gab es die Notwendigkeit, sogenannte Doppelstädte zu errichten – für die Herrschaft und für die Bürger, wobei die Bürgerrechte in dieser Doppel-Stadt verständlicherweise unterschiedlicher Qualität waren. Für die Eversteiner gab es dieses Problem nicht. Doch beide Stadttypen sollten Vorbild werden für folgende mittelalterliche Stadtgründung überhaupt.


Eines haben wir erkennen können: Polle ist ein sehr alter, geschichtsträchtiger Ort. Stadtrechte im üblichen Sinne mit Urkunde und Zugeständnissen an die Bürger wurden überflüssigerweise von den Eversteinern wahrscheinlich auch nicht verliehen. Doch alles, was sonst eine Stadt auszeichnete, Blutgericht, Märkte, Münzstätte, Handwerksgilden – all das war nachweislich vorhanden.



Veröffentlicht: 26. November 1988 „Feierabend“ - Autor: August Meyer

Diese Karte wurde wahrscheinlich 1587 gezeichnet. Bemerkenswert ist die Genauigkeit. Selbst die Anzahl der eingezeichneten Häuser muss aufgrund von Recherchen stimmen. Bemerkenswert ist auch die eingezeichnete Weserfurt. Die Weser reichte auch ohne Hochwasser bis an das befestigte Vorwerk, dort, wo die heutigen Domänengebäude etwa zehn bis zwölf Meter über dem normalen Wasserstand der Weser liegen. Die herrschaftliche Zehntscheune auf dem Wilmeröderberg fehlt noch, doch dafür existiert der Ritterhof und der Amtshof, die richtig eingezeichnet wurden.

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