Von Friedrich Wittkopp: Die Weser von Höxter bis Polle vor vierhundert Jahren - Eine Karte von 1587

Die Weser von Höxter bis Polle vor vierhundert Jahren
Von Friedrich Wittkopp

Eine Karte von 1587 / Grenzvergleich beendet endlose Streitigkeiten

 

Eine alte Karte aus dem Ende des 16. Jahrhunderts soll an dieser Stelle zu neuen Ehren kom-men, die unter der Signatur „HstA Hannover, Kartenabt. 12b / Polle 7 pm“ im Niedersächsischen Hauptstaatsarchiv Hannover lagert: eine bildhafte Wiedergabe des Weserlaufes von Höxter bis Polle. Mit der skizzenhaften Eintragung der Siedlungen und ihrer typischen Merkmale ist die Karte sozusagen eine Vorläuferin der heutigen Bildkarten, wie sie für die Besucher von Kur- und Badeorten in den Reisebüros angeboten werden.

 

Diese Weserkarte ist Teil eines größeren Kartenwerkes und steht im direkten Zusammenhang mit den Grenzvermessungen der Jahre 1586 bis 1588, die auf Anordnung des Herzogs Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel vorgenommen wurden. Der Grenzvergleich setzte den Schlusspunkt unter jahrzehntelange Streitigkeiten und einen zwanzigjährigen Prozess vor dem Reichskammergericht  Speyer um die „uralte Schnede“  zwischen der Weser und dem Köter-

berge. Auf der einen Seite standen die jeweiligen Herzöge von Braunschweig-Lüneburg beziehungsweise  Wolfenbüttel, auf der anderen Seite die jeweiligen Äbte von Corvey. Unmittelbar beteiligt an den zahllosen Übergriffen, Pfändungen, Gewalttaten, Irrungen und Wirrungen aber waren die Bewohner der umliegenden Dörfer.

 

Die von dem Abt Reinhart von Burholtz und dem Herzog und dem Herzog II. von Calenberg-Göttingen 1583  begonnenen Verhandlungen wurden 1590 von ihren Nachfolgern Abt. Dietrich von Berninghausen und Herzog Julius beziehungsweise seinem Nachfolger Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel durch einen Grenzvertrag zum gütigen Abschluss gebracht. Darin wurde noch einmal betont: „Von beiden Seiten ist mancherlei Weiterung mit Schlägerei, Todtschlag, Verwundung und Pfändung geschehen, daraus auch Landfriedensbruch und Injurienklagen entstanden sind. Alle diese Mißhelligkeiten mit ihren üblen Folgen sollen nun aufgehoben seyen.“  

 

Herzog Julius beauftragte Feldmesser, Visierer und Zeichner, die umstrittenen Räume geodätisch aufzugliedern und zu vermessen. So entstanden im Verlaufe von drei Jahren verschiedene Risse und protokollarische Berichte.

 

Bis heute Grenze

Beschäftigten sich die Risse mit den umstrittenen Flächen, so entstanden gleichsam als Übersichtsskizze die Karte des Weserlaufes. Ihr Mittelpunkt ist das umstrittene Gebiet zwischen dem linken Weserufer gegenüber dem „Hellegrafen“, einem alten Grenzgraben, und der Spitze des Köterberges. Die Grenze verläuft hier über Berg und Tal fast nur durch Waldgebiete. Sie ist auch heute noch die Grenze zwischen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.

 

Der von Dr. phil. Erich Schrader 1957 herausgegebene topographische Atlas „Die Landschaften Niedersachsens“  veröffentlicht unter Nr. 135   „Das Amt Polle im Jahre 1587“   einen Ausschnitt  aus der Karte.

Der Mitarbeiter W. Kost schreibt dazu: „Eine Skizze- oder bildhafte Wiedergabe der Landschaft ist das Kennzeichen der Karte zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert. Die Siedlungen, Wälder und Berge sind in der Regel in der Ansicht, nicht selten auch aus der Vogelperspektive gezeichnet. Ein anschau-liches Bild, nicht eine geometrische genaue Lagezeichnung wollte der Kartograph schaffen, und er beschränkte sich bei seinem Vorhaben durchweg auf die Wiedergabe der ihm wesentlich erscheinen-den Dingen.

 

Die Weser als Grundlinie

Die Karte von 1587 ist nicht nach Norden, sondern nach Westen ausgerichtet. Die Weser bildet gleichsam die Grundlinie der Zeichnung. Den linken Kartenrand nehmen die Stadt Höxter und das Schloss Fürstenberg  ein. Bei Höxter sieht man die wehrhafte Ummauerung und die Doppeltürme der Kilianskirche; Schloss Fürstenberg thront auf dem gegenüberliegenden hohen Ufer. (Die Porzellanmanufaktur bestand noch nicht!) Die höxtersche Weserbrücke, die doch schon seit 1115 den Strom überquerte, ist nicht eingetragen.

Bei Corvey erkennt man den Umriss der Abtei und das berühmte Westwerk; in der Nähe befinden sich auf einsamer Höhe ein Wartturm und gleichsam versteckt im Walde eine „Kluß“ (Klause).

 

Die Ansichten von Stahle und Heinsen werden ganz und gar von ihren damaligen Kirchtürmen geprägt: breit und wuchtig mit einem Satteldach der eine, schlank und spitz der andere. Holzminden war mit dem linken Ufer durch eine „ Fhere“ verbunden. Die Reste der einstigen Eversteiner Burg und ein altes Stadttor treten aus dem Häusergewirr hervor. Die Stadt war früher von einem Palisadenzaun umgeben. Allerssen (Allersheim) und Forst weisen auf die ehemaligen Siedlungen Elersen und Vorste hin, die beide als Dörfer „gelegt“ und später zu Amtssitzen und Domänen wurden.

 

Burg Polle noch fast erhalten

Den Krönenden Abschluss der Karte bildet die 1587 noch fast erhaltene Burg „auf dem Poll“ mit dem dazugehörigen Flecken. Hier haben wir die älteste uns bekannte Darstellung des Poller Schlosses vor uns. Zwar lag die Eroberung der Feste in der Eversteiner Erbfolgefehde fast 200 Jahre zurück, aber die völlige Zerstörung im Dreißigjährigen Kriege stand ihr noch bevor. Unterhalb der Burg ist eine „furt“

auf dem rechten Flussufer wurde später wie bei Forst und Allersheim zu einer Domäne erweitert. Die Bedeutung Polles als alte Gerichtsstätte wird durch den Galgen gekennzeichnet.

 

Obwohl der Ort nachweisbar schon seit 30 Jahren ein Gotteshaus besaß, ist ein Kirchturm kaum zu erkennen. Der oberhalb des „Schnakenborns“ eingetragene „Kirchenabriss“ ist auf einem der erwähnten Risse als „Völkser Kirche“ deutlich dargestellt. Zusammen mit der „Wilmeroder grundt“

Und der „Schmedser bick“ – diese auf einem der Risse – sind diese Namen zeugen für die unterge-gangenen Siedlungen Wilmerode, Volzen und Schmedersen. In dieser Beziehung  ist die Karte von historischem Wert.

 

Keine Straßen eingezeichnet

Straßen sind nicht eingetragen, sie waren auch noch nicht vorhanden, jedenfalls nicht im ausgebauten Zustande. Der Zeichner legte besonderen Wert auf die Eintragung einiger Mühlen. Der „Weserfluss“, dessen vielfache Windungen und Schleifen nicht naturgetreu wiedergegeben sind, wird von zahlreichen Wasserfahrzeugen belebt. Über dem Ganzen erhebt sich der „Brocken des Weserberg-landes“, der Köterberg, auf dessen Kuppe sich die Gebiete Corvey, Lippe und Braunschweig-Lüne-burg berührten.

 

Zeichner der Karte ist Johannes K r a b b e, der sich nach eigenhändiger Unterschrift-„Jahann Krabbe fecit“ „Anno 6 ten Decembris“ – vollendete, Seine Helfer waren Johannes Tile, Tile Müller und Jost Moers. In einem Braunschweigerischen Jahrbuch 1974 erschienenen Aufsatz von Dr. Karl Brethauer, Hannoversch Münden, ist nachgewiesen , dass Krabbe in Münden geboren wurde. Brethauer überschreibt seinen Artikel: „Johannes Krabbe Mundensis – Goldschmied, Instrumentenbauer, Land-messer , Kartenzeichner, Büchsenmacher, Feuerwerker, Kupferschmied, Leib- und Kammerdiener, Mathematiker, Kalendermacher, Astronom und Astrologe – Diener der Herzöge Julius, Heinrich Julius, Friedrich Ulrich am Hof zu Wolfenbüttel“.

 

Ein vielseitiger Landmesser

Johannes Krabbe war also vielseitig talentiert und ausgebildet. Er entstammte einer Mündener Schif-ferfamilie, die ein eigenes Haus auf der Schlossfreiheit besaß. Der junge Johannes besuchte die Latein-schule seiner Vaterstadt. Zu den zahlreichen Fächern der „Hohen Schule“ gehörte auch „praktische Messkunst mit der Kette auf dem Felde“. Hier zeigte und entwickelte sich schon seine Neigung für seine spätere Tätigkeit. Er war bereits 28 Jahre alt, als er 1581 in Helmstedt immatrikuliert wurde.

 

Nach verhältnismäßig kurzem Studium, zahlreichen Reisen und dem persönlichen Verkehr mit verschiedenen Gelehrten trat er 1585 in den Dienst des technisch sehr interessierten Herzogs Julius, der ihn zu seinem Leib- und Kammerdiener machte, ihn aber auch mit Landmessungen beauftragte, wie die Karte beweist. Krabbe erhielt eine feste Besoldung von jährlich 50 Talern, ferner „10 Taler Hausmittelgeld, je eine Winter- und Sommerhofkleidung und freien Tisch zu Hofe oder Kostgeld“ (Brethauer). Die Vermessungsarbeiten wurden besonders entlohnt. Nachdem er sich noch als 62jähriger verheiratete, starb er bereits ein Jahr später (1616) nach insgesamt dreißigjähriger Tätigkeit am Herzogshofe.

 

An erster Stelle seines von ihm selbst verfassten umfangreichen „Werksverzeichnis und Karten“ steht die Vermessung der „streittigen Grentze zwischen dem hauß Polle ond Stifft Corvei“, die er zweimal vornahm, nämlich 1587 und 1588. Er berechnete sich dafür 50 Taler.

 

Krabbes „älteste“ Karte des Sollings aus dem Jahre 1602/03 soll nicht unerwähnt bleiben. Sie trägt den Titel: „Abriß des Sollings mit seinen Bärgen, Gründen und vornemsten Hauptwegen, auch Bärchen und Brunnen, und den darin verzeichneten Jagten.“ Sie gehört nach allgemeinem Urteil der Fachwelt zu den bedeutendsten Werken der älteren braunschweigischen Kartographie.

 

 

Autor: Fr. Wittkopp